Wir sind doch zu klein für KI!
Wenn überall von KI die Rede ist – auf Konferenzen, in Wirtschaftsmagazinen, beim Apéro – dann kann das überwältigend wirken. Man fragt sich: Ist das wirklich etwas für uns? Oder doch eher was für Konzerne mit eigener IT-Abteilung?
Doch gerade kleine Betriebe haben oft Vorteile, deren sie sich gar nicht bewusst sind.
Was die Zahlen zeigen
Ein Blick auf die aktuelle AXA KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 überrascht vielleicht: Bereits 34% der Schweizer KMU nutzen künstliche Intelligenz bewusst in ihren Arbeitsprozessen. Vor einem Jahr waren es noch 22%. Der Anteil der Unternehmen, die KI komplett meiden, sank im gleichen Zeitraum von 45% auf 29%.
Das bedeutet: Über zwei Drittel der Schweizer KMU experimentieren bereits mit KI oder setzen sie aktiv ein. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie einen Nutzen sehen.
Muss das teuer sein?
Die Vorstellung von KI-Projekten weckt manchmal Bilder von grossen Investitionen und monatelangen Implementierungen.
Die Realität kann aber auch anders aussehen: ChatGPT Plus kostet 20 Franken im Monat. DeepL Pro gibt es für 25 Franken. Microsoft Copilot ist in vielen Betrieben bereits vorhanden.
Die HWZ/Swisscom-Studie zeigt: 38% der Schweizer KMU haben generative KI bereits eingeführt oder prüfen deren Einsatz. Die häufigsten Anwendungen, z.B. Content-Erstellung, Marketing, Prozessautomatisierung, sind auch für kleinere Teams umsetzbar. Ohne dass dafür eine IT-Abteilung oder ein Grossprojekt nötig wäre.
Ein unterschätzter Vorteil
Was mir in der Zusammenarbeit mit KMU auffällt: Viele unterschätzen ihre eigene Beweglichkeit.
In einem Konzern braucht eine KI-Initiative oft Monate. Sie erfordert die Abstimmung mit Datenschutz, IT, Legal, Geschäftsleitung.
Ein kleinerer Betrieb kann schneller ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Morgen entscheiden, übermorgen testen, nächste Woche wissen, ob es funktioniert. Diese Agilität ist kein Trostpreis – sie ist ein echter Vorteil.
Was bringt KI konkret?
Die AXA-Studie liefert hier interessante Zahlen: 57% der befragten KMU berichten von Effizienzgewinnen durch KI. 2024 waren es noch 46%.
Und die Sorge um Arbeitsplätze? Nur 2% der KMU gaben an, aufgrund von KI Personal reduziert zu haben. Dagegen sagen 10%, dass KI sogar zu einem Stellenausbau geführt hat. Die Technologie verändert eher die Anforderungen als die Stellenzahl.
Die häufigsten Einsatzgebiete sind erstaunlich bodenständig:
- Übersetzungen (52%): In einem mehrsprachigen Land wie der Schweiz ein tägliches Thema.
- Korrespondenz (47%): E-Mails, Offerten, Angebote schneller formulieren.
- Arbeitsschritte optimieren (34%): Von 23% im Vorjahr gestiegen.
- Datenanalyse (32%): Vorher 22%.
Das sind keine futuristischen Anwendungen. Das ist Alltag.
Wenn Leute fehlen
Der Fachkräftemangel bleibt eine zentrale Herausforderung für Schweizer KMU. Laut AXA-Studie hatten 44% der Unternehmen Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Weitere 40% bekundeten zumindest teilweise Mühe.
Besonders im Handwerk ist die Lage angespannt: Rund 42'000 Handwerker fehlen aktuell in der Schweiz.
Was kann KI hier beitragen? Sie ersetzt keine Menschen. Aber sie kann bestehende Teams entlasten – von repetitiven Aufgaben, von Papierkram, von Dingen, die Zeit fressen, aber wenig Mehrwert bringen.
Was junge Fachkräfte erwarten
Ein Aspekt, der manchmal untergeht: Die Generation Z (also Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind) macht einen wachsenden Teil der Arbeitskräfte aus. Und sie bringt andere Erwartungen mit.
Laut SwissSkills-Studie legen beispielsweise 35% der jungen Männer bei der Arbeitgeberwahl Wert auf moderne Technologie und Infrastruktur (bei den Frauen sind es immerhin 18%). Sie sind mit digitalen Tools aufgewachsen und erwarten, dass diese auch im Berufsalltag vorhanden sind.
Das heisst nicht, dass ein Betrieb ohne KI keine jungen Leute findet. Aber ein offener Umgang mit Technologie kann helfen, als moderner Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.
"Aber bei uns ist das anders."
Das stimmt wahrscheinlich. Jede Branche, jeder Betrieb hat seine Eigenheiten.
Gleichzeitig ähneln sich viele Herausforderungen:
- Ausschreibungen prüfen, die viel Zeit kosten
- Reklamationen beantworten, bei denen Sachlichkeit gefragt ist
- Social Media bespielen, obwohl die Zeit fehlt
- Offerten schreiben, die ähnlich aufgebaut sind
- Protokolle erstellen, die niemand gerne macht
Das sind Aufgaben, die in fast jedem Büro anfallen und bei denen KI heute schon unterstützen kann.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Das ist eine Frage, die jeder Betrieb für sich beantworten muss.
Was die Zahlen zeigen: Die Entwicklung geht schnell. Innerhalb eines Jahres ist der Anteil der KMU, die KI bewusst einsetzen, deutlich gestiegen. 45% der Schweizer KMU sehen KI mittlerweile als Chance – im Vorjahr waren es noch 35%.
Wer heute anfängt, sammelt Erfahrung. Wer wartet, startet später von null.
Ein möglicher Einstieg
Falls Sie neugierig geworden sind, hier ein paar Gedanken zum Anfangen:
- Die nervigste Büroarbeit identifizieren. Was frisst Zeit und bringt wenig? Das ist oft ein guter Startpunkt.
- Klein anfangen. Nicht das grosse Projekt, sondern eine Aufgabe, ein Prozess, ein erster Test.
- Mitarbeitende einbeziehen. Sie wissen am besten, wo es hakt. Und wer mitgestaltet, trägt Veränderung eher mit.
- Bei Bedarf Hilfe holen. Nicht weil es kompliziert sein muss, sondern weil es schneller gehen kann. Die erste Hürde ist oft die höchste.
Ein Gedanke zum Schluss
KI ist kein Privileg der Grossen. Sie ist ein Werkzeug. Eines, das auch kleinen Betrieben zur Verfügung steht.
Ob und wie Sie es nutzen, ist Ihre Entscheidung. Aber die Möglichkeit besteht – und sie ist zugänglicher, als viele denken.